Was ist Coasteering?

Was ist Cordura Material?

9. August 2015 Comments (0) Allgemein, Erfahrungsberichte, Ratgeber

Was nützt der „eingebaute“ textile UV-Schutz wirklich?

Er ist mittlerweile ein interessantes Verkaufsargument: „eingebauter UV-Schutz“ im Textil. Doch der Sommer ist da und mit ihm der Skandal: Von zehn textilen Produkten mit angeblichem „UV-Schutz“ haben kürzlich in einem WISO-Test des ZDF sechs kläglich versagt. Dass nicht jeder UV-Standard auf der Höhe ist, weiß man. Dass die sechs Durchfaller angeblich aber sogar im Neuzustand versagten, ist erschreckend. Und noch was hat WISO gezeigt: Die Informationslage beim Verbraucher ist dürftig. Beratungskompetenz ist also sehr gefragt.

Der WISO-Test hat es mehrheitlich ans Sonnenlicht gebracht. Weil sich beim Verbraucher durch die meisten getesteten UV-Schutz-Produkte die Haut rot verfärbte, sollten die erwähnten Hersteller vor Scham rot werden, Weder Produkte noch die Ausreden funktionierten überzeugend. Die Testfamilie war zu Recht sauer: „Man bezahlt für eine Funktion, die nicht leistet, was sie verspricht,“ so ein Kommentar. Ein Dermatologe legte da noch eine Schippe drauf: „Die Bekleidung verspricht eine trügerische Sicherheit, die nicht erreicht wird. Das ist gefährlich.“

Fünf Funktionsshirts und fünf Kindermützen waren im Test. Alle trugen sie ein UV-Schutz-Zertifikat und versprachen überwiegend einen Schutzfaktor von 30+ oder höher. Im gebrauchten Alltagszustand lagen die Versager bei erschreckenden UPF 2 bis 10. Schlimmer noch: Den versprochenen UV-Schutz erreichten vier Teile nicht mal im Neuzustand. Dass UV-Schutz zunehmend zu einem Verkaufsargument wird, hat Folgen: „In letzter Zeit stellen wir fest, dass auch Firmen das Thema UV-Schutz bei Textilien besetzen, deren Produkte dahingehend nicht oder nur unzureichend gestaltet sind.“ meint Dr. Andreas Schmidt, Abteilungsleiter Function & Care der Institute Hohenstein. Seine Beobachtung weiter: „Diese tendieren dazu, dann auch den UPF nach einer Testmethode zu ermitteln, die einen möglichst hohen Wert ergibt, ohne dass hier in allen Fällen wirklich Schutz vorliegt.“ Dass dies zu einem Problem – und zu enttäuschten und verunsicherten Verbrauchern – führt, zeigte der WISO-Test.

Risiko Hautkrebs

„Leider sind die Hersteller nicht dazu verpflichtet anzugeben, nach welcher Methode der UV-Schutz ermittelt wurde.“ bedauert Schmidt. Sein Institut bietet diese Transparenz. „Der UPF wird mit Hilfe eines einheitlichen Labels angegeben, dass zusätzlich die Prüfmethode und Prüfnummer sowie den Namen des verantwortlichen Prüfinstitutes enthält“ erklärt er. Offensichtlich ist auch hier mehr Transparenz vonnöten, denn jeder Sonnenbrand hat Auswirkung auf die Anfälligkeit und den Ausbruch von Hautkrebs.

Dermatologen wissen: Die Haut vergisst nicht. Jeder Sonnenbrand – sogar ab frühester Kindheit – beschleunigt nicht nur den Alterungsprozess der Haut, sondern erhöht das Hautkrebsrisiko, Die Deutsche Krebshilfe beklagt, dass die Zahl der Neuerkrankungen „drastisch zugenommen“ habe. 875.000 Patienten befänden sich derzeit jährlich aufgrund von Hautkrebserkrankungen in Behandlung, so die Krebshilfe – und pro Jahr kämen 251.000 hinzu.
Natürliche und künstliche UV-Strahlung von Sonne und Solarien seien die Hauptrisikofaktoren. Die Krebshilfe rät dringend davon ab, Solarien zu nutzen und empfiehlt in der Sonne auf einen richtigen Schutz zu achten. Letzterer wäre neben Sonnencremes auch Bekleidung mit UV-Schutz. Und hier wird die Tragweite des WISO-Tests deutlich. Insgesamt ist der Informationsstand beim Thema UV-Schutz niedrig. Zwei Drittel kannten bei einem Anruf ihren Hauttyp nicht. Noch mehr Verbraucher schätzten den Schutz von Bekleidung falsch ein. Es gibt also viel zu tun für Fachhändler hier im Lande.

Was ist UPF?

Was der Kosmetik der Sun Protection Factor (SPF) oder Lichtschutzfaktor (LSF) ist, ist der Bekleidung ihr Ultraviolet Protection Factor (UPF). Auch hier multipliziert sich die Zeit, die man ungeschützt ungefährdet in der Sonne sein kann, um den angegebenen Faktor. Um einen UPF zu ermitteln, wird die UV-Durchlässigkeit eines Stoffes mit einem Spectrophotometer gemessen. Eine definierte Dosis UV-A und UV-B-Strahlung, vergleichbar mit der Mittagssonne, wird auf ein Stück Stoff projiziert und dann geschaut, welche Dosis jenseits des Stoffes noch messbar ist.
Dass Bekleidung mehr Schutz bietet als nackte Haut, ist logisch. Dennoch hinkt der Vergleich gewaltig, Unsere Haut cremen wir meist mit einer Sonnencreme ein. Ein SPF von 20 bedeutet, dass eine Person mit empfindlicher Haut den Aufenthalt in der Sonne von (ungefährlichen) 5 Minuten auf rund 100 Minuten, also gut 1,5 Stunden ausdehnen kann. Unter einem Baumwoll-T-Shirt liegt der Schutzfaktor aber nur bei 8. Ist es dazu weiß, dann sinkt der Wert weiter – und wird es nass, dann bleiben noch 2-3 übrig. Da kommt es schon mal vor, dass die nackten Arme ein Tennismatch oder eine Bergwanderung unbeschadet überstehen, aber die abgedeckte Schulterpartie abends rötlich leuchtet und schmerzt.
Inhärenter UV-Schutz
Bekleidung kann aber auch inhärenten Schutz haben, sogar ohne UV- Schutz-Zertifikat. Dazu gibt es Regeln zur Orientierung:
1.    Je dünner, weitmaschiger und lockerer der Stoff gewebt ist, desto geringer ist der Schutz.
2.    Matte Fasern absorbieren und blocken UV-Strahlung besser als glänzende oder glatte Fasern.
3.    Dunkle Farben absorbieren UV-Strahlung besser als helle.
4.    Naturfasern, vor allem Baumwolle, weisen durch ihre natürliche, uneinheitliche Gewebestruktur eine höhere Fasertransmission (Durchlässigkeit) auf.
Chemiefasern wie Polyester oder Polyamid reflektieren UV-Strahlung besser durch eingebundenes Titanoxid. Dazu können sie zu dichteren Flächengebilden verarbeitet werden.
Und natürlich wirkt sich auch die Nutzung auf den Schutzfaktor aus. Alte Fasern erlauben mehr Durchlässigkeit als neue Fasern. Dehnung erhöht die Transmission, und auch Nässe wirkt sich auf den UV-Schutz negativ aus. Vor allem Baumwolle wird durch Nässe quasi durchsichtig („Wet T-Shirt Contest“) und reduziert den UV-Schutz erheblich.

Künstlicher UV-Schutz

Damit ein Material sommerlich leicht, luftig und bei Hitze angenehm bleibt, müssen die Stoffe mit künstlichem UPF ausgerüstet werden. Folgende Ansätze sind möglich:

1. Chemische Ausrüstung: Diese kommt in erster Linie für Naturfasern in Frage, weil sich Naturfasern schlecht manipulieren lassen. Sie kann aber auch bei synthetischen Stoffen angewandt werden, Chemische Ausrüstungen werden nach dem Färben auf die fertigen Stoffe aufgebracht, können aber durch Waschzyklen verloren gehen.

Problematisch können die gesundheitlichen Schädigungen bei chemischen Substanzen werden. Oxal-Anilinen können die Leber und die Nieren schädigen. Halogenorganische Verbindungen sind ebenfalls kritisch. Chemische Ausrüstungen werden in der Regel in Tauchbädern aufgetragen und haben den Vorteil, dass so auch sehr dünne Materialien ausgerüstet werden können, ohne dass sie an Dicke und Steifigkeit zunehmen.

2. Modifizierte Molekularstrukturen der Rohstoffe: Bei der Herstellung von synthetischen Fasern lassen sich Faserkomponenten in den Rohstoff hinzufügen. Diese können Pigmente, also Trüber und Mattierer, sein, ebenso mikrofeine Partikel aus Keramik oder Tonminerale (Titanoxide). Alle hinzugefügten Faserkomponenten haben die Aufgabe, die UV-Strahlung durch Absorption zu blockieren oder sie zu reflektieren. Der Vorteil: hohe Dauerhaftigkeit und sehr geringe Nebenwirkungen. Dazu kommt manchmal eine unerhoffte Zusatzfunktion: Eingelagerte Keramikpartikel haben etwa eine kühlende Wirkung.

Einige Hersteller von Waschmitteln versprechen eine UV-Schutz-Wirkung durch sogenannte UV-Blocker In ihren Waschmitteln, z.B. Werner & Mertz mit der Marke Frosch. Die UV-Blocker bilden einen Schutzfilter, der die Transmission des Stoffes verringert. Manche Waschmittel haben sogar einen kumulieren-den Effekt, d.h., dass der UV-Schutz mit der Anzahl der Wäschen zunimmt. Die amerikanische Skin Cancer Foundation hat eine Empfehlung („recommended“) ausgesprochen. Der Vorteil: Mit dem Waschmittel kann jeder sein Lieblings-T-Shirt ausrüsten. Allerdings bleibt es ein Wasch- und kein Wundermittel. Poröse Stoffe lassen sich dadurch auch nicht dichter machen. Eine bestimmte Grunddichte muss vorhanden sein. Dazu hält der UV-Schutz nur von Wäsche zu Wäsche.

Problematische Standards

Die exponierte Lage zum südlichen Ozonloch und die erhöhte Gefahr von Hautkrebs sind in Neuseeland und Australien allgegenwärtig. Die Schuluniform australischer Schulkinder ist selbst im Sommer langärmlig und umfasst auch eine Mütze mit Nackenschutz, Die beiden Länder waren auch Pioniere beim textilen UV-Schutz, Mit AS/NZS 4B99 kam nicht nur der erste Standard für UV-Schutz aus Australien und Neuseeland, auch beim UPF war die Firma Sunsafe mit dem gleichnamigen Produkt einer der Vorreiter für UV-schützende Stoffe, Der Standard AS/NZ 4399 hat aber einen entscheidenden Nachteil: Es werden nur Stoffe im Neuzustand geprüft und zertifiziert. Der Standard AS/NZ 4399 empfiehlt einen UPF von mindestens 50 und liegt damit zumindest über den Empfehlungen der anderen Standards und bietet somit „Reserve“.

WAS NÜTZT „EINGEBAUTER“ UV-SCHUTZ WIRKLICH?
In Amerika wird der UV-Schutz von Bekleidung nach den Normen AATCC183 (Messformel und Testapparatur) und ASTM 6544 (der Stoffzustand) sowie ASTM 6603 (dem Labeling) bewertet. Während die Messformel und der Apparateaufbau sich vom australisch-neuseeländischen Standard nicht wesentlich unterscheiden, spricht die Norm ASTM 6544 Bände über den Zustand und den Nutzungsgrad des Materials. Der UPF wird nämlich bei einem trockenen Gewebe ermittelt, nachdem dieses 40 Waschzyklen hinter sich hat, 100 Stunden Tageslicht ausgesetzt und bei Badebekleidung die Chlorresistenz festgestellt wurde. Die gegabelten Klassifizierungen (UPF von 15-24 = gut, 25-39 = sehr gut, 40+ = ausgezeichnet) werden für zwei Jahre gewährt.

ln Europa haben die Institute Hohenstein, das Österreichische Textil-Forschungsinstitut in Wien und das Schweizer Textilprüfinstitut TESTEX in Zürich
den sogenannten „UV-Standard 801″ entwickelt. Dieser soll zumindest europaweit für eine einheitliche Zertifizierung auf möglichst hohem Verlässlichkeits Niveau sorgen. Der UV-Standard 801 berücksichtigt dabei nicht nur Waschzyklen, sondern simuliert typische Tragesituationen eines Bekleidungsstückes: Nässe, Dehnung, Abrieb. Dabei bewertet der UV-Standard 801 ausschließlich den während der Gebrauchsprüfungen festgestellten niedrigsten UV-Schutz-Faktor. Der UV-Standard
801 darf deshalb als der zurzeit seriöseste UV-Schutz-Standard angesehen werden. Ein Bekleidungsstück mit dem Wert „Protect 20″ bietet guten Schutz und kann demnach vergleichsweise höher liegen als ein AS/NZ 4399 von 50+, das ein Jahr alt Ist und unter sportlichen Bedingungen getragen wird.

Hier wird ein neues Dilemma erkennbar: Die Werte der unterschiedlichen Standards sind nicht vergleichbar, da unterschiedliche Prüfmethoden angewandt werden. Damit muss der Handel leben, sich aber auch darauf inhaltlich vorbereiten, zumal „auch auf lange Sicht es wohl in diesem Bereich keine Harmonisierung durch normative Vorgaben oder ähnliches geben werde.“ fürchtet Schmidt (Hohenstein).

Wer zertifiziert?

UV-Schutz in Textilien leidet aber auch untereinem Paradoxum. Einerseits bieten manch zertifizierte Stoffe – siehe WISO – keinen wirklichen Schutz, andererseits gibt es viele Stoffe auf dem Markt, die einen hohen UV-Schutz haben, aber nicht zertifiziert sind. Schuld daran ist die alte Gretchenfrage „Wer bezahlt?”

Theoretisch kommen dafür vier Stufen im Produktionsprozess in Frage. Da wären erstens die Faserhersteller, zweitens die Webereien und Strickereien, die aus den Fasern die Gewebe produzieren, drittens die Textilverkäufer und viertens die Konfektionäre, die die Stoffe einkaufen und verarbeiten. Gegenwärtig ist es z.B. beim UV-Standrad 801 so, dass der Konfektionär dafür zahlt – und zwar, so klagen die Hersteller, nicht pauschal für ein Material, sondern für jedes T-Shirt, Hemd, jede Hose oder Jacke und manchmal sogar für jede unterschiedliche Farbe. Das ist teuer.

Kein Wunder, dass die Konfektionäre den Zertifizierungsprozess gerne in den Händen der Textilhersteller bzw. -Verkäufer sehen wollen. Ihr Argument: UV-Schutz ist ein Funktionsmerkmal.
Ralf Stefan Beppler

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.