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16. April 2019 / Kommentare (0)

Radfahren am Baikalsee in Sibierien – Reisebericht

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Der sibirische Baikalsee friert im Winter meterdick zu. Das Abteil der Transsibirischen Eisenbahn ist vollig überheizt. Der Zug ist noch nicht angefahren, da haben wir uns schon bis auf die Thermounterwasche ausgezogen und sitzen auf unseren Betten. Was macht man vier Tage lang in einem kleinen Zugabteil? Abwechslung bieten die vielen Bahnhofe, in denen der Zug je eine kurze Pause einlegt. Dazwischen fliegen verschneite landwirtschaftliche Flachen und einsame Dorfer mit windschiefen, halb verfallenen Holzhausern an uns vorbei. Spater fahren wir durch das westsibirische Tiefland mit seinen ausgedehnten Sumpfen und Wiesen, Birken- oder Nadelwaldern.

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Vier Tage, vier Nachte und 5.400 Kilometer Bahn fahren, das stumpft ab. Selbst die Tage werden standig in ihrer Lange verkurzt, da wir durch mehrere Zeitzonen fahren. Sewerobaikalsk am Nordufer des Baikalsees. Zunachst ist unsere erste Herausforderung, die Fahrrader nach dem Bahntransport wieder fahrtauglich zusammenzubauen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir einen Temperaturschock zu uberwinden haben.

Vor den mächtigen Gipfeln des Bargusingebirges im Norden des Baikalsees hat man viel mit einer Schneeauflage auf dem Eis zu kämpfen. Manchmal kommt man nur schiebend voran

Vor den mächtigen Gipfeln des Bargusingebirges im Norden des Baikalsees hat man viel mit einer Schneeauflage auf dem Eis zu kämpfen. Manchmal kommt man nur schiebend voran

Im Zug: 30 °C, auf dem Bahnsteig: -25 °C! Mit den dicken Handschuhen dauert es dann etwa 40 Minuten, bis zwei voll bepackte Fahrrader startklar am Bahnsteig stehen. Der See ist eine einzige grose weise unendlich erscheinende Flache. Eine ausgepragte Fahrspur weist nach Suden. Was soll uns da noch aufhalten? Gut und kontinuierlich kommen wir voran, trotz der etwa 100 Kilo Gewicht, die jeder von uns zu bewegen hat. Bald haben wir Sewerobaikalsk hinter uns gelassen.

Die Schrecken des Eises und der Finsternis Der erste Tag geht schnell vorbei und wir suchen einen Platz für das Zelt. Einfach auf dem Eis, es ist ja dick genug. Noch während wir unser tragbares Eigenheim aufbauen, hören wir das Rumpeln unter uns. Mit einem mulmigen Gefühl für die ungewohnten Geräusche verschwinden wir im geräumigen Expeditionszelt. Der Kocher faucht und bald gibt es heißen Tee, ein warmes Abendessen und ebenso warme Schlafsäcke. Nur Ruhe und Schlaf gibt es nicht. Irgendwo unter uns knallt, kracht, knirscht, gluckert, grollt und grummelt es.

Der See ist zwar meterdick zugefroren, aber dennoch ist es kein betonfester, einheitlicher Panzer. Es gibt vielmehr einzelne Schollen, die gegeneinander arbeiten, auch wenn die glatte Oberfläche etwas anderes vermuten lässt. Der Lärm ist teilweise so heftig dass wir kaum schlafen können. Zeitgleich gibt es noch sanfte Erschütterungen. Am Morgen nach einer schlaflosen Nacht liegen die Fahrräder immer noch an der gleichen Stelle und unter dem Zelt hat sich auch keine Spalte aufgetan.

Tiefschneepflügen bei Eis und Schnee

Vier Tage später. Wir befinden uns nun in der Nähe der höchsten Berge des Baikalgebirges. Je weiter wir nach Süden kommen, desto mehr Schnee liegt auf dem Eis. Oft müssen wir schieben. An der schmalsten Stelle zwischen dem West- und dem Ostufer entscheiden wir uns für eine Querung ans Ostufer. Der Wind kommt idealerweise von hinten und unterstützt uns etwas. Dennoch fahren wir im Schnee nur etwa 10 km/h. Die Schneeauflage nimmt in Richtung Osten wieder zu, sodass wir wieder mit dieser mehlig-pulvrigen Konsistenz konfrontiert sind die das Vorderrad ständig leicht zum Schwimmen bringt. Wir ärgern uns und schieben.

Sonnenaufgang einer kalten Sonne nach einer eisigen Nacht (minus 45 °C). Nur mit dicken Daunenjacken, Arktik-Schlafsäcken und der guten Polarausrüstung Kann man an solchen Tagen morgens ohne Frostschäden aus unserem dem Zelt kriechen

Sonnenaufgang einer kalten Sonne nach einer eisigen Nacht (minus 45 °C). Nur mit dicken Daunenjacken, Arktik-Schlafsäcken und der guten Polarausrüstung Kann man an solchen Tagen morgens ohne Frostschäden aus unserem dem Zelt kriechen

Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4 km/h schaffen wir bei fünf Stunden Arbeit auch 20 Kilometer am Tag. Man muss nur stoisch genug sein. Manchmal gibt es etwas Abwechslung, wenn große Eisplatten sich aufgetürmt haben und das Eis von der Seite in den verschiedensten Weiß-, Blau- oder Grautönen leuchtet. Schließlich wird die Fahrspur wieder besser. Der Schnee ist fest gepresst, manchmal kommt sogar das blanke Eis hervor. Hier beißen sich die Spikes gut in die Oberfläche. Aber es ist kalt, verdammt kalt.

Das Thermometer am Fahrrad zeigt minus 42 °C an, die bislang kälteste Nacht. Alles ist steif gefroren. Selbst in einer der Thermoskannen ist das Wasser nicht mehr flüssig. Glücklicherweise interessiert den Benzinkocher nicht, wie kalt der Treibstoff ist. Bald ist der erste Liter Wasser heiß und dient zum Verflüssigen der nächsten Portion Eisklötze. So sind innerhalb einer halben Stunde wie der alle Thermoskannen aufgefüllt, das Müsli gegessen und genug Wärme in die Körper geflossen. Mit Daunenjacken geschützt versuchen wir am Morgen, das steife Zelt einzurollen und die brettharten Fahrradpacktaschen zu füllen. Eisnebel schwebt entlang der Steilhänge an der Ostküste.

Kurs 260° geradeaus!

Welchen Kurs sollen wir heute nehmen? Wo sind die besten Eisbedingungen nach Südwesten? Unser nächstes Etappenziel ist der Ort Chuschir. Wieso also nicht direkt einen Kurs auf die Nordwestspitze der Insel Olchon nehmen? Das wären nach unserer Landkarte 260° West. Wir queren den See ein zweites Mal, dieses Mal an seiner breitesten Stelle und schräg, sodass etwa 180 Kilometer zusammen kommen werden. Mit Rückenwind radeln wir los. Immer besser wird die Oberfläche, immer glatter und spiegelnder das Eis, immer dunkler bis es total schwarz ist. Schwarzes Eis.

Wie auf einem gigantischen Spiegel rasen wir mit 20 km/h dahin. Die 361 Spikes an jedem unserer Reifen beißen sich fest und sicher in die harte Eisoberfläche. Das knirschende Geräusch der Reifen ist ein untrügliches Zeichen für sicheres und rasches Vorankommen. Am faszinierendsten finden wir die vielen Haarrisse im Eis, die oft nur wenige Zentimeter tief sind, aber dafür viele Meter weit reichen. Wir versuchen ungefähr abzuschätzen, wie dick die Eisschicht ist, und einigen uns dann auf 120 Zentimeter.

Immer wieder entdeckt man neue Muster, Farben, Lichtreflexe oder Strukturen. Das Eis wird nie langweilig.

Immer wieder entdeckt man neue Muster, Farben, Lichtreflexe oder
Strukturen. Das Eis wird nie langweilig.

Mit uns immer die Gewissheit, dass es unter unseren Reifen nur etwa einen Meter Eis und ab dann über tausend Meter tiefes, lichtloses, schwarzes Wasser gibt. Ohne diese feinen Risse verlieren wir schnell den Bezug zur dritten Dimension und meinen, über etwas Durchsichtigem zu schweben. Auch helfen uns die Spiegelbilder und die Geräusche der Reifen, aber ein mulmiges Gefühl bleibt immer. Am Nordkap der Insel Olchon stoßen wir auf eine ausgeprägte Fahrspur.

Nun sind wir also wieder Teil des Pistenverkehrs auf dem Baikalsee. Im Windschutz einer ufernahen Insel verschrauben wir das Zelt auf dem Eis und freuen uns über die herrliche Eislandschaft um uns herum. Durch die späte Abendsonne ist alles in ein leicht blauviolettes Licht getaucht. Nach drei Tagen auf Olchon radeln wir an der Ostküste der Insel nach Süden. Die Küste ist sehr schroff und ohne irgendeine menschliche Spur. An manchen Stellen wächst der Kiefernwald bis hinunter zur Küste, meistens sind aber Felswände vorherrschend. Wir genießen das Fahren in dieser winterlich stillen Natur. Die Schneeauflage beträgt hier gerade einmal zwei Zentimeter. Aber in diesem Schnee sind deutlich unzählige Spuren zu erkennen: Wölfe! Ob sie wohl nachts ans Zelt kommen werden?

Winterliche Begegnungen

Bolschoje Goloustnoje. Die Fahrspur führt runter vom See und etwa fünf Kilometer über Land. Der Ort ist im Sommer und Herbst beliebt, da von Süden kommend der Great Baikal Trail an der Küste entlang führt und von hier eine Busverbindung nach Irkutsk existiert. Jetzt im Winter nehmen wir den Eindruck eines verschlafenen, verschneiten und verlassenen Dorfes auf. Immerhin hat der Dorfladen offen. Wir kaufen zehn Tafeln Schokolade.

Radeln bei Tagestemperaturen um die minus 20 °C auf einem schwarzen Eisspiegel. Wenn man senkrecht nach unten schaut, blickt man in die schwarze, gähnend leere Tiefe dieses tiefsten Sees der Erde. Da wird es einem schon manchmal etwas mulmig zu Mute. Eispresszonen und Eisverwerfungen gibt es besonders häufig entlang der Küste, aber auch mitten auf dem See. Der dicke Eispanzer ist zwar stabil, aber nicht ohne innere Bewegungen.

Radeln bei Tagestemperaturen um die minus 20 °C auf einem schwarzen Eisspiegel. Wenn man senkrecht nach unten schaut, blickt man in die schwarze, gähnend leere Tiefe dieses tiefsten Sees der Erde.
Da wird es einem schon manchmal etwas mulmig zu Mute. 
Eispresszonen und Eisverwerfungen gibt es besonders häufig entlang der Küste, aber auch mitten auf dem See. Der dicke Eispanzer ist zwar stabil, aber nicht ohne innere Bewegungen.

Hinter dem Dorf erreichen wir eine große Wiese direkt oberhalb des Ufers und müssen feststellen, dass fünf Russen aus Irkutsk ebenfalls die Schönheit des Ufers ausgesucht haben, um ein kleines, winterliches Picknick zu genießen. Wir werden sofort eingeladen und haben keine Chance, dem zu entgehen. Die sibirische Gastfreundschaft kann so groß sein, dass sie einen glatt erdrückt. Zuerst wird jedem von uns ein selbstgebrannter Kräuterschnaps eingeflößt.

Der Schnaps wird aus großen PE-Flaschen ausgeschenkt, da sind wir lieber vorsichtig … Dann gibt es Schaschlik mit Ketchup und Brot und dazu hausgemachte Piroschki. Dem Südufer entgegen Unsere letzte Nacht auf dem schönen Baikalsee. Der erste große Nachteil unserer Annäherung an die Zivilisation ist die nun schlechtere Qualität des Eises. Es ist mit einer leicht braun-grauen Rußschicht überzogen, von den vielen Kohleöfen der Siedlungen und der Stadt Sludjanka am Südufer des Sees. Das sollen wir trinken? Wir klopfen mit dem Eispickel tiefer und kommen an etwas sauberes Eis. Außerdem hören wir die langen Güterzüge, die im Fünfminutentakt auf der Linie der Transsibirischen Eisenbahn entlangfahren. Dieses Jahr beginnt das Frühjahr im Süden des Baikalsees am 2. März.

Zumindest sind die Temperaturen heute für längere Zeit über Null Grad gestiegen. Wir können in der Mittagswärme sogar mit dünnen Handschuhen und ohne die dicken Fleecejacken radeln. Nach etwa 1.025 geradelten Kilometern seit Sewerobaikalsk und 31 Tagen, davon 27 Radeltage, sind wir erfolgreich und glücklich über die Bewältigung aller Probleme und Widrigkeiten am südwestlichsten Punkt des Baikalsees angekommen.

Die 110 Kilometer nach Irkutsk fahren wir auf der Staatsstraße M55. Die Zivilisation hat uns wieder. Der See hat uns getragen und ernährt, er war unser Weg und Lager, hat uns körperliche und mentale Aufgaben gestellt und ist uns in den vier Wochen zum Expeditionspartner geworden. Jetzt radeln wir ohne ihn weiter. Ade und Danke, großer schöner Baikalsee.

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Weitere Infos und Nachweise

Radfahren am Baikalsee in Sibierien – Reisebericht Zuletzt aktualisiert: 12.04.2019 von

Last modified: 12. April 2019

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